Philosophie: Durch die Brille Kants geschaut
12.05.2026
Philosoph Andrew Stephenson, neuberufen, forscht über Kant und darüber, wie der Mensch von der Welt Erkenntnis erlangt.
12.05.2026
Philosoph Andrew Stephenson, neuberufen, forscht über Kant und darüber, wie der Mensch von der Welt Erkenntnis erlangt.
gibt das „Oxford Handbook of Kant“ mit heraus. | © LMU/Johanna Weber
„Als ich die Schule verließ, wollte ich Rockstar werden“, erzählt Andrew Stephenson, der als Jugendlicher in einer Band spielte. Seine Pläne änderten sich jedoch am Musikkolleg, als sich seine Band auflöste und er merkte, dass die anderen Studierenden viel bessere Musiker waren als er. Ein weiterer Grund war ein Buch, das ihm seine Mutter schenkte: Bryan Magees The Story of Philosophy. „Statt zu üben, habe ich gelesen. Viel.“
Also ist er an die Universität Cardiff, Wales, gewechselt, um Philosophie zu studieren. Zunächst genoss er das Leben und konzentrierte sich nicht wirklich auf sein Studium, bis es einer Dozentin gelang, ihn aus der Reserve zu locken: „Früh in meinem zweiten Jahr hat eine Professorin eine Arbeit von mir stark kritisiert. Das hat mich aufgerüttelt. Vielleicht war ich doch nicht so schlau, wie ich dachte. Vielleicht sollte ich mir mehr Mühe geben. Ich liebte Philosophie, hatte aber in meinem Leben bislang nie ernsthaft akademisch gearbeitet. Von da an habe ich mich mehr angestrengt. Auf einmal eröffnete sich die Philosophie noch mehr in ihrer Tiefe.“
Sein nun angefachter Ehrgeiz und Einsatz zahlten sich schnell aus. Nach dem Bachelor wechselte Andrew Stephenson mit einem Vollstipendium an die Universität Oxford, das er rückblickend „als sein Glück“ bezeichnet. Hier absolvierte er am Merton College den bekannten B.Phil. (Masterabschluss) und anschließend die Promotion (D.Phil.) in Philosophie.
Von 2013 bis 2015 war er Lecturer am Trinity College in Oxford. Es folgte der erste Forschungsaufenthalt in Deutschland, an der Humboldt-Universität Berlin. Anschließend wurde Stephenson Lecturer an der University of Southampton, wo er nach zwei weiteren Stationen in Berlin (in der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Menschliche Fähigkeiten“) und Leipzig (am Forschungskolleg für Analytischen Deutschen Idealismus) 2025 Associate Professor wurde. Zum Wintersemester 2025/26 hat Stephenson einen Ruf an die LMU angenommen, wo er nun die Professur für Philosophie, insbesondere Geschichte der Philosophie der Neuzeit bis zur Gegenwart innehat.
Jede fundamentale Frage ist eine philosophische Frage. Es ist egal, wo man anfängt: Sobald man immer weiter ‚Warum?‘ fragt, kommt man relativ schnell zur Philosophie. Das heißt, dass philosophische Fragen alles verbinden und alle miteinander verbunden sind.Andrew Stephenson, Professur für Philosophie, insbesondere Geschichte der Philosophie der Neuzeit an der LMU
Rückblickend, erzählt Stephenson, habe er schon immer philosophiert, bereits während der Schulzeit mit Gleichaltrigen. „Das ist mir aber erst im Nachhinein klar geworden.“ An der Philosophie fasziniert ihn sowohl die tiefere Bedeutung der behandelten Fragen als auch die Abstraktion: „Jede fundamentale Frage ist eine philosophische Frage. Es ist egal, wo man anfängt: Sobald man immer weiter ‚Warum?‘ fragt, kommt man relativ schnell zur Philosophie. Das heißt, dass philosophische Fragen alles verbinden und alle miteinander verbunden sind.“
Dabei gebe es eigentlich nur eine wahrhaft fundamentale philosophische Frage: „Und das ist die Frage nach der Verbindung von Vernunft und Natur. Darüber kommt man relativ schnell zu Fragen nach Freiheit – was bedeutet es, frei zu sein und zu handeln? Aber auch: Was ist Denken?“
Andrew Stephenson hat bereits während des Bachelor-Studiums für die Themen Interesse entwickelt, mit denen er sich noch heute beschäftigt. Und das war einer Einführung zu Kant eines Dozenten an der Universität in Cardiff zu verdanken. „Danach habe ich alle philosophischen Fragen durch die Brille Kants gesehen.“
Stephenson nennt ein einfaches Beispiel, um den grundlegenden und zugleich menschenbezogenen Charakter von Kants Überlegungen zu veranschaulichen: „Jeder weiß, dass Technik auf Mathematik basiert – Mathematik funktioniert in der Welt. Aber wie ist es möglich, dass wir Mathematik nur im Denken, also irgendwie unabhängig von Erfahrung und sozusagen aus dem Lehnstuhl betreiben können, obwohl sie die Welt zusammenzuhalten scheint? Bei Kant geht es um solche Fragen. Denn dieselbe Frage stellt sich auch für die Philosophie selbst: Sie ist keine empirische Wissenschaft, sondern wird gewissermaßen vom Lehnstuhl aus betrieben, und doch richtet sie sich auf die Wirklichkeit, auf das Wesen der Natur und der Vernunft. Wie ist also die Philosophie selbst möglich?“
An die LMU ist Stephenson aus einem ganzen Puzzle an Gründen gekommen. So kannte er München bereits aus seiner Zeit als Austauschstudent am Maximilianeum. Auch familiäre Beziehungen sprachen für Deutschland. Aber vor allem waren es die Kolleginnen und die Kollegen und deren Forschung, die ihn herzogen. „Die LMU ist eine der führenden Universitäten für die Art von Philosophie, die ich betreibe. Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich außerordentlich auf die Zusammenarbeit und die Studierenden.“
In Oxford sei er der einzige unter den Studierenden seiner Klasse gewesen, der sich für Kant interessiert hat. „Meine Kommilitonen waren alle mit gegenwärtiger Logik, Metaphysik und Erkenntnistheorie beschäftigt. Das war gut für meine Ausbildung. Deswegen beschäftige ich mich heute auch mit der Verknüpfung von Kants Philosophie und aktuellen Debatten.“ Das führt bis hin zur Künstlichen Intelligenz. So hat Stephenson auch in einem Projekt mitgearbeitet, in dessen Rahmen versucht wurde, Kants Theorie und Machine Learning zusammenzubringen.
2024 hat Stephenson das „Oxford Handbook of Kant“ mit herausgegeben, das den aktuellen Stand der Forschung über den Philosophen zusammenfasst. Aktuell arbeitet er an einer Monografie, in der er Kants Auffassung über den Zusammenhang zwischen einer Erkenntnis a priori und Notwendigkeit verteidigt. Er möchte aufzeigen, dass Kant in dieser Hinsicht weithin missverstanden worden ist – und zwar auf eine Weise, die nicht nur die Philosophiegeschichte betrifft, sondern auch die heutige philosophische Forschung.
„Kants leitende Frage ist: Wie können wir a priori Wissen von realen oder objektiven Notwendigkeiten haben, also von Notwendigkeiten, die nicht nur Begriffe, sondern Dinge betreffen?“, erklärt Stephenson. „Die Art und Weise, wie Kant dieses Problem formuliert und zu lösen versucht hat, hat die Philosophie dauerhaft verändert.“
„Wir wissen, was der Fall ist: zum Beispiel, dass hier eine Wasserflasche auf meinem Schreibtisch steht. Und wir haben auch die Vorstellung, dass ich meine Wasserflasche heute hätte vergessen können – dass es also möglich ist, dass es anders gewesen wäre. Aber Letzteres ist eine eigentümliche Art von Wahrheit: Es ist eine bloße Möglichkeit. Und es gibt auch Dinge, die nicht anders hätten sein können. Zum Beispiel, dass zwei und zwei vier ist. Wir kennen also unterschiedliche Arten von Wahrheit. Zu vielen der Dinge, über die ich etwas weiß, habe ich eine physische Beziehung: Ich sehe die Wasserflasche. Aber bloße Möglichkeiten oder Notwendigkeiten sehe ich nicht“, erklärt Stephenson laienverständlich. Wie können wir also Wissen von ihnen haben?
Kants Theorie darüber, was möglich und was notwendig ist und wie wir dies erkennen können, war ein Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie.Andrew Stephenson, Professur für Philosophie, insbesondere Geschichte der Philosophie der Neuzeit an der LMU
„Kants Theorie darüber, was möglich und was notwendig ist und wie wir dies erkennen können, war ein Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie. Sie bündelte Einsichten und stellte zugleich verbreitete Annahmen der vorangehenden Traditionen infrage und führte zu über hundert Jahren der Reaktion und Weiterentwicklung.“ Die Entstehung der analytischen Philosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eng damit verbunden, diese Theorie abzulehnen. Doch, so Stephenson, haben zeitgenössische Philosophinnen und Philosophen Kant missverstanden – insbesondere seit der einflussreichen Kritik durch Saul Kripke.
Kripke habe seinerseits eine Revolution in der Philosophie ausgelöst, unter anderem indem er eine vermeintliche Annahme Kants zurückwies, dass Wissen von Notwendigkeit a priori sein müsse. „Tatsächlich aber, so argumentiere ich, reden Kripke und Kant aneinander vorbei, weil sie sehr unterschiedliche Auffassungen sowohl von Erkenntnis a priori als auch von Notwendigkeit haben. Das heißt nicht, dass Kant recht haben muss. Aber es heißt, dass wir ihn neu lesen müssen. Und vielleicht können wir dabei etwas lernen. Denn ich glaube, wir stehen noch immer vor demselben Problem wie Kant, wenn es darum geht, wie wir Wissen über Möglichkeiten und Notwendigkeiten haben können. Und ich denke, Kants Antwort darauf ist nach wie vor die ausgefeilteste, die wir besitzen.“
Wenn Stephenson mit seiner Auffassung überzeugt, müsste die Geschichte der Erkenntnistheorie, der Metaphysik und der Logik seit Kant neu bewertet werden. Denn wenn Kant missverstanden wurde, gilt das auch für die Philosophie nach ihm.
Die Philosophie ist für Wesen wie den Menschen einzigartig. Das Mächtigste, was Menschen tun können, ist es, philosophische Fragen zu stellen.Andrew Stephenson, Professur für Philosophie, insbesondere Geschichte der Philosophie der Neuzeit an der LMU
Das erste Semester an der LMU hat Stephenson diesem Buch gewidmet. Im Sommersemester wird der Neuberufene nun seine ersten Lehrveranstaltungen an der LMU halten. Ihm liegt daran, seine Begeisterung für die Philosophie und deren Bedeutung auch an die Studierenden weiterzugeben. „Die Philosophie ist für Wesen wie den Menschen einzigartig. Das Mächtigste, was Menschen tun können, ist es, philosophische Fragen zu stellen.“
Anil Gomes (ed.), Andrew Stephenson (ed.): The Oxford Handbook of Kant
Andrew Stephenson: private Webseite von Andrew Stephenson